„Was ging Jesus durch den Kopf? Hatte er ein flaues Gefühl im Magen?“
Jonathan Roumie ist aktuell wieder als Jesus in Staffel 5 der Erfolgs-Serie zu sehen. Dabei möchte er besonders zur Leinwand bringen, wie sich Jesus ganz menschlich gefühlt hat, je näher es seinem Ende zuging.
Text Michi Cech
Jonathan Roumie ist aktuell wieder als Jesus in Staffel 5 der Erfolgs-Serie zu sehen. Dabei möchte er besonders zur Leinwand bringen, wie sich Jesus ganz menschlich gefühlt hat, je näher es seinem Ende zuging.
Die Menge jubelt, als Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzieht. Palmzweige werden geschwenkt. Die Menschen in Euphorie: Da ist der lang erwartete Messias, die Rettergestalt. Ein Tag voller Hoffnung, der Beginn einer neuen Ära – so scheint es. Doch in weniger als einer Woche kippt alles: Aus der Begeisterung wird Verrat, aus dem Jubel ein Ruf nach Kreuzigung.
Willkommen in Staffel 5 von The Chosen – der Serie, die die biblische Geschichte so erzählt, dass sie sich nicht wie Pflichtprogramm aus dem Religionsunterricht anfühlt, sondern wie packendes Popcorn-Kino. Nach vier gefeierten Staffeln führt uns die Serie nun mitten hinein in die dramatischsten Tage der Jesusgeschichte: die letzte Woche vor seinem Tod.
Die emotionalste Staffel
„Es war das größte Geschenk, das mir gegeben wurde“, sagt Jonathan Roumie, der Jesus-Darsteller, im Interview über die Rolle, die sein Leben verändert hat. „Nicht nur als Schauspieler, sondern als Mensch. Es hat mich tiefer in meinen eigenen Glauben geführt. Es hat mich dazu gebracht zu fragen: Wie kann ich im Alltag ein besserer Mensch, ein besserer Freund sein? Wie kann ich besser demjenigen helfen, dem ich begegne? Und wie kann ich ein besseres Beispiel für Glauben sein?“
Wer Staffel 5 schaut, merkt schnell: Diese Rolle fordert alles. Die Episoden führen uns vom triumphalen Palmsonntag über die Tempelreinigung und das letzte Abendmahl bis zum Garten Gethsemane. Besonders die Dreharbeiten zum letzten Abendmahl beschreibt Roumie: „Es waren die schwierigsten zwei Wochen meiner Karriere – auch geistlich.“ Vor den Dreharbeiten zum letzten Abendmahl bekam er plötzliche Schmerzen und Herzrasen, bis ihm sein geistlicher Begleiter per SMS schrieb: „Ich bete gerade einen Rosenkranz für dich.“ Fünfzehn Minuten später waren die Symptome verschwunden.
Roumie macht keinen Hehl daraus, dass ihn das Gewicht der Rolle zeitweise fast erdrückt hat. „Vielleicht war es auch einfach körperliche Angst, vielleicht nur mein Bemühen, mein Bestes zu geben und Jesus nicht zu enttäuschen. Das war mein Gemütszustand je näher wir dem Ende kommen.“ Diesen Druck spürte der Schauspieler aber auch schon bei der ersten Staffel, als er sich selbst zu den Jüngern predigen sah. „Ich hatte fast eine Panikattacke. Es fühlte sich fast falsch an, diese Worte zu sprechen. Irgendwie nicht würdig“, erzählt er. Regisseur Dallas Jenkins habe ihm dann beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: „Keiner von uns ist würdig – aber hier sind wir.“ Das habe ihn tief berührt. „Aus welchem Grund auch immer hielt es Gott für angebracht, mich in diese Rolle zu stecken. Niemand sonst hat vorgesprochen. Es gab keine Castings. Dallas hat mich einfach angerufen und gefragt: Willst du das machen? Und ich sagte: Ja, natürlich.“
Der menschliche Jesus
Was The Chosen von anderen Bibelverfilmungen unterscheidet, ist der Fokus auf die persönlichen Erfahrungen der Protagonisten. Wie haben sie die Ereignisse wirklich erlebt, ganz menschlich? Möglich wurde das durch das Format der Langzeitserie. „Man sieht die Nuancen, Eigenheiten, Dinge, die bisher niemand gezeigt hat. Niemand hat sich gefragt, wie es wäre, mit Jesus zu scherzen, ein Glas Wein zu trinken, ihn auf einer Hochzeit tanzen zu sehen“, sagt Roumie. „Wenn du menschlich bist, gehören Lachen, Witze, Frustration – das gesamte Spektrum an Emotionen – zum Menschsein. Er hat all das durchgemacht, damit wir jemanden haben, zu dem wir uns in unseren eigenen Prüfungen beziehen können.“
Besonders eindringlich ist Staffel 5, weil sie zeigt, wie Jesus seine letzten Tage erlebt. „Ich habe ihn gefragt: Was hast du gespürt, als du an diesem Tisch saßt?“, erzählt Roumie. „Da war Johannes, vielleicht Judas – wie war das? Was ging dir durch den Kopf, als Mensch, mit dem Wissen, was bevorstand? Hattest du ein flaues Gefühl im Magen? Wolltest du jedes Mal weinen, wenn du Judas angeschaut hast?“
Oder wie war das wirklich im Garten Gethsemane? Roumie wollte auch hier die menschliche Seite Jesu zum Vorschein bringen. „Was bedeutet es, Blut zu schwitzen? Was löst diese Reaktion aus? Was geschieht im Inneren, dass es zu so einer physischen Belastung kommt, dass es in den Evangelien festgehalten wurde? Ich habe gebetet: Herr, du musst mir helfen, denn ich kann das nicht alleine. Ich übergebe es dir und nehme an, was auch immer geschieht.“
Der zornige Jesus
Und dann ist da dieser Moment, auf den der Jesus-Darsteller fünf Staffeln lang gewartet hat: ein Jesus, der zornig ist. „Jesus, wie er im Tempel die Tische umwirft – wann hat man das schon mal gesehen?“, fragt Roumie. „Es war großartig, es hat so viel Spaß gemacht. Ich habe fünf Staffeln lang darauf hingearbeitet.“
Doch es ist nicht einfach nur Wut. „Es ist der gerechte Zorn Gottes, wenn er sieht, wie sein Volk von Leuten ausgenommen wird, die sich Priester nennen. Sie haben das Passahfest zur Geschäftemacherei gemacht, haben die Armen ausgepresst. Ich glaube, Jesus musste an diesem Punkt ein klares Zeichen setzen.“
Authentizität im Glauben
Roumie ist selbst praktizierender Katholik. So richtig ernst machte er mit seinem Glauben interessanterweise erst ein paar Monate, bevor er die Rolle in The Chosen bekam. In einer Lebenskrise entschied er sich, alles Gott zu übergeben. Seither versucht er, seinen Weg mit Gott authentisch zu gehen. „Ich denke, dass es sehr wichtig ist, tief im Gebet zu bleiben, Jesus sehr nahe zu sein – durch tiefes, tiefes Gebet“ sagt Roumie. „Ich kämpfe wie jeder andere Christ, Jesus nachzufolgen, aber der Kampf gehört dazu.“
Dass er gläubig ist, verleiht der Rolle Authentizität. Gleichzeitig spürt er auch den Druck dabei. „Ich denke mir: Hoffentlich habe ich noch genug Kraft, um das zu schaffen, vor allem, wenn es auf das Kreuz zugeht.“ Doch er nimmt diese Verantwortung bewusst an. „Wenn ich spüre, wie ernst das ist, könnte es einen umbringen. Also muss ich gleichzeitig extrem ernst nehmen, was ich tue – und mich selbst überhaupt nicht ernst nehmen. Und ein Priester hat einmal gesagt: Herr, benutze selbst meinen Mist als Dünger für das Wachstum der anderen.“
Das Ende einer Reise
Roumie beschreibt, was in ihm vorging, als er vor den Dreharbeiten sein Zuhause verließ: „Ich dachte: Wenn ich diesen Ort das nächste Mal sehe, werde ich das letzte Abendmahl und den Garten von Gethsemane abgeschlossen haben. Und ich war überwältigt von Emotionen. Ich dachte: Mann, das bedeutet, dass die Reise fast vorbei ist.“
Nach sechs Jahren fühlt sich das Ende der Serie wie ein Verlust an. Die Zeit habe er persönlich so intensiv mit Jesus erlebt. „Ich habe den Großteil von sechs Jahren mit meinem besten Freund verbracht, habe mit ihm gesprochen, ihn um Rat gefragt, wie ich die Szene spielen soll, was er durchgemacht hat. Ich habe ihn gebeten, mir auch nur einen Hauch der Erfahrung zu erlauben, die er hatte – auch nur ein Prozent eines Prozents eines Prozents.“
Roumie rechnet schon jetzt mit einer Art Leere danach. „Ich denke, jeder, der so lange bei einer Serie war und das dann nicht mehr hat, gerät wahrscheinlich ein bisschen in eine Depression. Ich will das nicht dramatisieren, aber es ist halt so: Dieses Ding, diese Reise, die wird bald zu Ende sein.“
Die wichtigste Szene
Zentral in Staffel 5 ist das letzte Abendmahl. Jede Episode beginnt mit einer Szene aus dem letzten Abendmahl, bevor sie chronologisch die Ereignisse von Palmsonntag bis zum Garten Gethsemane erzählt. Roumie erklärt diesen Fokus so: „Es geht um den neuen Bund, den Jesus mit seinem Volk hat – durch die Eucharistie, durch das letzte Abendmahl. Dieses letzte Abendmahl ist für viele Christen, vor allem für Katholiken wie mich, das ist das Herzstück unseres Glaubens.“
Hier wollte der Schauspieler daher auch alles richtig machen. „Für mich war es wirklich wichtig, eine der zwei wichtigsten Szenen in Staffel 5, geistlich richtig zu erfassen. Ich hatte eine Menge spirituelle Rückendeckung, viele Leute, die für mich gebetet haben, und meinen eigenen geistlichen Begleiter bei mir, als wir diese Szene gedreht haben. Ich wollte im richtigen geistlichen Zustand sein, um das Gewicht dieses Moments darstellen zu können. Es war ja wirklich ein Wendepunkt der Menschheitsgeschichte.“
Nur ein Schauspieler
Immer wieder hat Jonathan Roumie Mühe, Fans zu überzeugen, dass er nur ein Darsteller und nicht Jesus selbst. Er erinnert sich an einen Moment bei einem Fan-Event, der ihn besonders bewegt hat: „Eine Frau kam mit ihrem Sohn im Rollstuhl zu mir und sagte, ihre Lieblingsepisode sei die mit der Heilung des Gelähmten. Sie hoffte, dass dasselbe mit ihrem Sohn geschehen könnte. Ich musste ihr sagen, dass ich dieses Geschenk nicht habe, aber ich betete mit ihnen. Danach brach ich in Tränen aus, weil ich dachte, ich hätte sie vielleicht enttäuscht. Aber ich musste akzeptieren: Ich kann nur das sein, was ich bin.“
Trotzdem ist der Schauspieler sich bewusst, dass er durch diese Rolle auch eine gewisse Verantwortung oder auch Aufgabe übernommen hat. Roumie beschreibt es so: „Es fühlt sich so an, als wäre ich ein Apostel, ein Medienapostel. Ich habe das Gefühl, dass ich zu dieser Zeit und an diesen Ort geschickt wurde, um sozusagen ein Teil [dieser Mission] zu sein.“ Das bringt er mit einer seiner Lieblingsbibelstellen zum Ausdruck: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken.“ Das möchte Roumie seinen Fans sagen: „Wenn du müde oder belastet bist, geh zu Jesus, gib es ihm, er wird sich um dich kümmern.“
Staffel 5: Wann und wo?
In Deutschland, Österreich und der Schweiz liefen die ersten Folgen bereits im Kino. Ab 15. Juni gibt’s Staffel 5 auf Prime Video, zunächst in drei Teilen (15., 22. und 29. Juni). Ab September sind alle Folgen dann kostenlos über die The Chosen-App verfügbar.






