Gianna Jessen

Die eigene Abtreibung überlebt: Gianna Jessen

Es war in unserer allerersten Ausgabe des YOU! Magazins – im Herbst 1992! Damals war Gianna ein 15-jähriges Mädchen und wir berichteten über ihre wundersame Geschichte: Am 6. April 1977 war Gianna Jessen während einer Abtreibung zur Welt gekommen – und hatte wie durch ein Wunder überlebt. Heute ist sie 48 und kam am 16. September persönlich nach Wien – eingeladen von drei großen Lebensschutz-Organisationen – um ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte zu erzählen. 

Ich bin nun mal eine, die lacht!“ Mit diesen Worten beginnt der bewegende Vortrag von Gianna und sofort wird klar: Das Thema mag hart sein, doch Gianna ist es mit Sicherheit nicht. Liebevoll und mit einer gesunden Portion Humor erzählt sie aus ihrem Leben. „Mein Leben war ein bisschen heftig“, erklärt sie lächelnd.

Ihr unerschütterliches Gottvertrauen zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Erzählung. Gleich zu Beginn beschreibt sie ihre Beeinträchtigung mit entwaffnender Offenheit: „Ich habe, was man als das Geschenk der Zerebralparese bezeichnet.“ Zerebralparese ist eine neurologische Störung, die – in Giannas Fall – durch den Sauerstoffmangel während ihrer Abtreibung verursacht wurde. Doch anstatt zu hadern, sieht sie darin eine besondere Gnade: „Man hört immer: Wenn ein Baby behindert ist, müssen wir die Schwangerschaft abbrechen. Wer bist du, mir zu sagen, dass ich weniger wert bin, weil ich lebe?“ Und sie fährt fort: „Mein Leben wäre nicht annähernd so schön ohne die Schwierigkeiten, denen ich gegenüberstand.“ Giannas Worte berühren – nicht durch Dramatik, sondern durch die Echtheit einer Frau, die gelernt hat, selbst im Leid das Leben anzunehmen. 

Giannas leibliche Mutter war erst 17 Jahre alt, als sie sich in der 30. Schwangerschaftswoche für eine Abtreibung entschied. Die Methode war erschreckend: Eine Spätabtreibung durch Salzlösung. Dabei wird Salzlösung in die Fruchtblase injiziert. Das Baby schluckt diese Lösung, wodurch es innerlich und äußerlich verbrennt. Damit soll das Kind ersticken. Innerhalb von 24 Stunden kommt das Baby dann üblicherweise tot zur Welt. Doch nach 18 Stunden – um 6 Uhr am Morgen des 6. April 1977 – kam Gianna lebend zur Welt. Sie erzählt: „Wie kann man das logisch erklären? Ich werde 18 Stunden lang im Mutterleib lebendig verbrannt. Ich habe keine Verbrennungen am Körper und musste bei meiner Ankunft im Krankenhaus nicht wiederbelebt werden.“ Sie ist überzeugt, dass es übernatürliches Eingreifen war: „Für Gott ist alles möglich.“ Zu ihrem Glück war der Abtreibungsarzt zu dem Zeitpunkt noch nicht in der Klinik. Andernfalls hätte er andere Maßnahmen ergriffen, um Giannas Leben zu beenden. Doch als Gianna lebend zur Welt kommt, rief eine Krankenschwester die Rettung – gerade rechtzeitig, bevor andere sie aufhalten konnten – und schaffte es, dass sie in ein Krankenhaus gebracht wurde. Gianna lernte diese Krankenschwester nie kennen, würde sie aber so gern in den Arm nehmen und sich bedanken. 

Nach mehreren Monaten des Nicht-Sterbens kamen sie schließlich zu dem Schluss: Dieses kleine Mädchen hat einen enormen Lebenswillen. Sie will nicht sterben.“ Nach ihrer Zeit im Krankenhaus kam Gianna zunächst zu einer Notfall-Pflegefamilie, doch hatte sie es dort nicht leicht. Sie mochten Gianna nicht und sperrten sie teilweise sogar für längere Zeit in ein Zimmer ein. Im Alter von 17 Monaten wurde sie aus dieser Notunterkunft weggeholt und kam schließlich in ein wundervolles Zuhause zu einer Frau namens Penny. Dieser Tag sollte den Rest ihres Lebens beeinflussen. Penny nahm Gianna bei sich auf, machte drei Mal täglich Physiotherapie mit ihr und betete. Die Ärzte erklärten ihr immer wieder, was Gianna alles nicht können werde, aber Penny ignorierte sie. Sie rieten ihr davon ab, hoffnungsvoll zu sein. Doch sie verlor nie die Hoffnung. Gianna meinte dazu: „Unsinn! Werdet hoffnungsvoll gegenüber Dingen im Leben, Leute. Wir brauchen mehr Hoffnung in der Welt!

Viele Jahre nach ihrer Geburt begegnete Gianna in Italien einem gläubigen Arzt – genau genommen einem Neonatologen, einem Arzt, der sich auf die Behandlung neugeborener Kinder spezialisiert hat. Sie kamen ins Gespräch und Gianna erzählte ihm unter anderem, wie schreckhaft sie sei. „Niemand hatte mir jemals zuvor meine eigene Geburt auf diese Weise mit seinem Fachwissen erklärt. Er sagte: Die Schmerzreaktion des Babys entwickelt sich im siebten Monat. Das geschah im siebten Monat, Gianna. Du hast jeden einzelnen Moment davon gespürt. Alle 18 Stunden lang. Du hast das höchste Maß an körperlichem und emotionalem Trauma ertragen, das menschlich möglich ist. – Und niemand hat mir das jemals gesagt. Ich habe nur geweint. Und er sagte: Ich glaube, dass du so schreckhaft bist – ja, das kann man auch mit Zerebralparese haben –, aber er sagte: Ich glaube, dass dein Gehirn sich daran erinnert, und jetzt gibt es wissenschaftliche Beweise dafür, dass unser Gehirn alles in unserem Leben aufzeichnet. Ich glaube, dass dein Körper immer noch darauf reagiert.“ 

Allen Ärzten zum Trotz, begann Gianna nach und nach große Meilensteine zu überwinden: Zum Erstaunen aller begann sie, ihren Kopf selbst zu halten. Schritt für Schritt kämpfte sich Gianna weiter. Erst lernte sie zu sitzen, dann zu krabbeln und schließlich – mit Gehhilfe und Beinschienen – sogar zu gehen. Obwohl ihre Balance heute noch immer nicht so gut ist und sie dabei etwas Unterstützung hat, braucht sie heute weder Gehhilfe noch Beinschienen. „Jesus ist echt! Er ist nicht irgendein weit entfernter Gott. Er lässt Lahme immer noch wieder gehen.“ 

Im Alter von dreieinhalb Jahren wurde Gianna von Pennys Tochter adoptiert. Die Freude, dass Penny nun ihre Großmutter war, war riesig: „Das ist die Frau, die mir beibrachte, niemals aufzugeben. Und für mich war sie meine Mutter. Sie starb mit 91 Jahren, nachdem sie als alleinstehende Frau für 56 Pflegekinder gesorgt hatte.

Als Gianna 17 Jahre alt war, erhielt sie eines Tages einen unerwarteten Anruf – sie war gerade allein zu Hause. Am anderen Ende der Leitung war ihre leibliche Mutter. Zunächst wusste Gianna nicht, was sie sagen sollte. Schließlich entschied sie sich, ihrer Mutter zu sagen, dass sie ihr vergebe. Daraufhin legte diese abrupt auf. Einige Jahre später, als Gianna nach einem Event die Teilnehmer persönlich begrüßte, stand plötzlich eine Frau vor ihr und stellte sich als ihre Mutter vor. Zwei Wochen zuvor hatte Gianna im Gebet eine innere Stimme gehört – Gottes Stimme –, die sie fragte, was sie tun würde, wenn ihre leibliche Mutter eines Tages vor ihr stünde. „Und nun bin ich hier und denke: ‚Jesus, Jesus, Jesus, hilf mir.‘ Und er tat es“, erzählt Gianna. „Denn es fühlte sich an, als würde mich das gesamte Universum erdrücken, einfach erdrücken. Und ich hätte es unmöglich ertragen können – außer durch seine Gegenwart. Also schaute ich sie an und sagte Folgendes: ‚Hallo, Ma’am. Sie müssen wissen, dass ich Christ bin und Ihnen vergebe.‘“ Ihre Mutter reagierte wütend und erklärte in scharfem Ton, sie wolle diese Vergebung nicht. Gianna wiederholte ruhig ihre Worte, doch ihre Mutter entgegnete erneut, sie wolle diese Vergebung nicht – und dass Gianna eine Schande für ihre Familie sei. Da sagte Gianna ein drittes Mal: „Ma’am, Sie müssen wissen, dass ich Christ bin und Ihnen vergebe – jedoch werde ich Ihnen nicht länger erlauben, auf diese Art mit mir zu sprechen.“ Dann stand sie auf und ging. Gianna weinte nach dieser kalten, grauenhaften Begegnung drei ganze Stunden im Hinterzimmer – auch wenn ihr bewusst war, dass die Anschuldigungen ihrer leiblichen Mutter nicht der Wahrheit entsprachen.  

Zu den Anwesenden sagte Gianna bei ihrem Vortrag in Wien: „Ihr habt eine Entscheidung zu treffen. Das haben wir alle. Ihr müsst euch nicht von alledem definieren lassen, was euch widerfahren ist. Es mag grauenhaft, ungerecht, finster und in jeder Hinsicht böse gewesen sein, aber das ist nicht euer Name. In Jesaja, dem Buch Jesaja in der Bibel, steht: Ihr alle, jeder einzelne von euch, ihr seid in die Hände Gottes eingraviert. Dein Name und alles, was dir wichtig ist, ist genau dort. Er wird dich jetzt nicht vergessen. Und so kann er alles, was dir widerfahren ist, nehmen und erlösen, und du kannst deinen wahren Namen in Christus erkennen.“

Bis heute erfährt Gianna viel Hass. Ihre Geschichte und ihr Einsatz gegen Abtreibung sind für manche Menschen schwer aufzunehmen. Doch noch viel mehr als der Hass, den sie erfährt, bewegt ihre Geschichte Menschen auf der ganzen Welt. Gianna spricht regelmäßig auf großen Kongressen oder kleineren Veranstaltungen, wie eben bei ihrem Vortrag in Wien. Mit ihrer Geschichte ermutigt sie, das Leben zu leben, Gottvertrauen und Hoffnung zu haben, und vor allem: dass jedes Leben gut ist.

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