Wie wir es schaffen, in der Gegenwart zu leben, und wie uns der zukünftige Tod das Wesentliche entdecken lässt.
In einer Welt, die ständig im Sprint zu sein scheint, kann es schwerfallen, einfach mal innezuhalten. Prof. Dr. Peng-Keller ist Theologe, Dozent für Spiritual Care an der Uni Zürich und beschäftigt sich genau damit: wie wir im Moment leben können. Als Mitbegründer einer Ausbildung zur Anleitung christlicher Kontemplation spricht er darüber, warum es so wichtig ist, einfach da zu sein, jetzt, in diesem Augenblick.
Herr Professor Peng-Keller, wenn Sie an Ihre Jugend zurückdenken: Welche großen Lebensfragen haben Sie damals beschäftigt?
Zunächst ging es mir darum zu verstehen, was ein sinnvolles Leben ausmacht und später, was es bedeutet, als Christ in einem nicht-christlichen Umfeld zu leben. Ich habe mich gefragt, was meine Lebensform und was meine Berufung ist. Gleichzeitig beschäftigte mich schon früh die ökologische Bedrohung: Während meiner Schulzeit in den 1980er-Jahren führte das Waldsterben in der Schweiz zu vielen Diskussionen. Zu erkennen, dass unsere Erde nicht nur durch Krieg, sondern auch durch Ausbeutung bedroht ist, hat mich schockiert. Das hat mich sehr herausgefordert und beeinflusst.
Der Philosoph John O’Donohue sagte, Stress sei ein „verdrehtes Verhältnis zu der Zeit“ – die Zeit verfügt über uns statt wir über sie. Wie sehen Sie unser heutiges Verhältnis zu Zeit?
Ich stimme dieser Diagnose zu, wobei das natürlich individuell sehr unterschiedlich aussehen kann. Wir können uns der starken Beschleunigung nicht wirklich entziehen – das Lebenstempo nimmt zu: Es muss immer mehr in immer weniger Zeit geschehen. Wir sind immer auf dem Sprung zum Nächsten. Man kann von einer Schrumpfung der Gegenwart sprechen. Wir stecken im Hamsterrad mit hängender Zunge, in einem Modus der Hyperaktivität, und versuchen, überhaupt noch mitzukommen. Wir wollen den Anschluss nicht verpassen. Paradoxerweise hat das den Effekt, dass wir dabei Zeit verlieren, weil wir nicht in der Gegenwart leben. Wir leben an der uns geschenkten Lebenszeit vorbei und sind so gestresst, dass wir gar nicht richtig verdauen, was wir wahrnehmen. Wir können nicht aufnehmen, was wir erleben.
„Im Jetzt leben“ klingt nach Achtsamkeit oder Self-Care. Was macht das christliche Verständnis davon aus?
Ein Leben in der Gegenwart ist etwas sehr Christliches. Wir verbinden es heute schnell mal mit dem Buddhismus oder einer säkularen Lebenslehre. Uns ist gar nicht bewusst, wie stark das Anliegen in der christlichen Tradition präsent ist. Die Botschaft Jesu ist sehr gegenwartsbezogen: Das Himmelreich ist nahe – es ist jetzt schon da, nicht erst in einer fernen Zukunft. Wir sollen sorglos in der Gegenwart leben wie die Spatzen am Himmel und wie die Lilien am Feld. Dabei ist ein wichtiger erster Schritt, dass wir zunächst mal bei uns ankommen, selbst gegenwärtig werden. Dass wir aussteigen von diesem Stress oder diesem Zwang, immer zum Nächsten zu hetzen. Die Sammlung in der Gegenwart ist eine gemeinsame Erkenntnis und Praxis unterschiedlicher spiritueller Traditionen. Was für das Christliche spezifisch ist, ist die Überzeugung und die Erfahrung, dass uns in dieser Gegenwart Gott begegnet. Diese Ausrichtung auf Gottes Gegenwart ist der zentrale Punkt und auch die Motivation. Gott ist immer gegenwärtig – nur wir sind es nicht. Wir können seiner Gegenwart nur begegnen, wenn wir selbst in der Gegenwart ankommen und uns seiner Gegenwart öffnen. Es ist eine Doppelbewegung: selbst gegenwärtig zu werden, und dann entdecken, dass diese Gegenwart bewohnt ist. Dass mich da eine göttliche Präsenz erwartet.
Qualifiziertes Nichtstun
Was ist christliche Kontemplation?
Es gibt verschiedene Formen christlicher Kontemplation. Grundsätzlich kann man sagen, dass es eine Form christlichen Betens ist. Man könnte auch sagen, es ist die einfachste Form des Betens, weil man nichts tun muss. Es ist gleichzeitig die schwierigste Form, weil man nichts tun kann. Weil alles Geschenk ist. Normalerweise definieren wir Gebet durch Aktivität, dass wir etwas Bestimmtes tun. Kontemplation ist demgegenüber ein qualifiziertes Nichtstun. Sich in Gottes Gegenwart stellen und wahrnehmen, was passiert. Es geht um die Wahrnehmung der Gegenwart Gottes, für die wir uns nur öffnen können. Wir können sie nicht herstellen. Es ist eine Form des Betens, die auch mit sehr wenigen, bis gar keinen Worten auskommt. Eine Form, die sich über verbale Formen des Betens hinausbewegt. Man kann sagen, kontemplativ beten setzt zwar Worte voraus, wie zum Beispiel die Worte des Jesusgebets, sie führen aber zu einer Wirklichkeit jenseits aller Worte und letztlich in ein staunendes Verweilen hinein.
Social Media, ständige Nachrichten, volle Inboxen: Wie schaffen wir es trotzdem, im Moment anzukommen? Haben Sie eine Übung oder einen Tipp, den man sofort ausprobieren kann?
Es ist etwas absolut Schlichtes: sich einfach fünf Minuten irgendwo an einen ruhigen Ort setzen, in eine Kirche oder auch in die Natur – mit Achtsamkeit und Wohlwollen für alles, was da kommt. Sich dieser Gegenwart aussetzen. Es gibt Orte, die ins Gebet führen und sich gut anbieten für eine solche Übung. Wenn ich mich öffne, dann kann sich das Gebet von selbst einstellen. Mein Herz beginnt sich zu öffnen, ich muss gar nicht so viel tun. Es hat auch etwas sehr Entlastendes, einfach mal in die Stille hineinzulauschen. Oder nach einem gesprochenen Gebet einen Moment der Stille auszuhalten und ganz in dieser Ruhe anzukommen. Solche Formen von Kontemplation können sehr intensiv sein und Appetit erwecken. Ich gewinne eine Ahnung davon, wonach ich suchen kann. Was ich dann durch elaborierte Übungen vertiefen kann. Ich vermute, dass eigentlich fast alle Menschen schon solche kontemplativen Erfahrungen gemacht haben. Schon als Kinder machen wir sie, wir haben einen kontemplativen Zugang zur Welt durch das Staunen. Wenn wir die Welt entdecken und ganz fasziniert sind von einer Blume oder einem Frosch – da können wir ganz still werden. Es ist uns gegeben. Im Erwachsenenalter wird diese Fähigkeit des Staunens und des Verweilens oft verschüttet. Deshalb braucht es wieder einen bewussten Zugang, um diese Dimension zu kultivieren.
Schmerzmittel Aktivität
Warum haben wir so Angst vor der Stille? Im Alltag hätten wir ständig kleine Momente zum Innehalten. Stattdessen lenken wir uns ab – warum weichen wir der Stille aus?
Es hat mehrere Gründe. Zum einen ist es unserem Geist unheimlich, da gibt es eine Angst vor der Leere. Wenn wir nicht in der Aktivität sind, dann haben wir auch nicht die Kontrolle darüber, was geschieht. Es ist mit einem Kontrollverzicht verbunden. Und das ist uns sehr unangenehm. Wir sitzen gerne selbst am Steuer, unser Geist will ständig Probleme lösen. Wir haben so ein Aktivitätsprogramm: Jede freie Minute wird von unserem Geist genutzt, um ein neues Problem zu lösen oder ein Problem zu suchen, das er dann lösen kann. Ein Grund ist auch, dass mir da bewusst wird, was ich im aktiven Alltag verdränge. Schmerzstellen kommen zum Vorschein. Es gibt kein besseres Schmerzmittel als Aktivität. Wenn wir diese Aktivität lassen, lässt die Wirkung dieses Schmerzmittels nach. Das Unangenehme drückt ein Stück weit durch. Das ist gut zu wissen. So kann ich mich auch dafür öffnen und diese unangenehmen Momente aushalten. Denn mit der Zeit vergehen sie, und es zeigt sich eine tiefere Dimension.
Verwesentlichung des Lebens
Sie haben viel Erfahrung mit der Begleitung von Sterbenden. Sie sagten einmal: „Im Sterben geschieht eine Verwesentlichung des Lebens.“ Können Sie erklären, was Sie damit meinen?
Inzwischen ist es gut erforscht, dass sich die Lebensprioritäten verändern, wenn klar wird, dass ich nicht mehr lange zu leben habe. Da ist es bei fast allen Menschen so, dass sich die Prioritäten neu sortieren. Gewisse Dinge werden unwichtig, und andere werden wichtig. Verwesentlichung heißt zunächst einmal zu merken, was mir wirklich wichtig ist, wenn nur noch wenig Zeit bleibt. Es wird klar, wofür ich eigentlich leben möchte. Für viele heißt das dann, dass sie die verbleibende Zeit in wichtige Beziehungen investieren möchten. Die Beziehungsdimension tritt häufig ganz in den Vordergrund, während zum Beispiel Arbeit in der Regel plötzlich unwichtig wird. Auf einer tieferen Ebene kann man auch sagen, dass ich im Sterbeprozess nochmal vor die Frage gestellt werde: Habe ich meine Berufung gelebt? Was ist das eigentlich? Habe ich mein Leben dem gewidmet, was ich als meinen Lebensauftrag erkannt habe? Habe ich genügend lange nach diesem Auftrag gesucht?
Wie hat die Begegnung mit Sterbenden ihren Blick auf das Leben verändert?
Für mich war das Wichtigste eine Art Normalisierung des Sterbens. Als ich auf der Palliativstation gearbeitet habe, bin ich häufig am Heimweg von der Uni noch ins Unispital gegangen. Es war immer wieder sehr eindrücklich, dass ich anders herausgekommen, als ich hineingegangen bin. Und zwar eigentlich immer so, dass sich mein Geist durch die Gespräche mit diesen Menschen geklärt hat. Ich bin verlangsamt worden. Die Endlichkeit meines Lebens ist eine Realität geworden. Eigentlich wissen wir alle, dass wir sterblich sind – aber irgendwie ist es in der Regel nur eine Kopfsache und nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Ich habe erlebt, dass man an einem gewöhnlichen Dienstag sterben kann, wo andere Leute von der Arbeit kommen und Kinder spielen, also, dass dieser Moment des Sterbens zum Leben dazugehört. Dass Sterben etwas Natürliches ist. Mit Aspekten die schmerzlich sind und Abschied bedeuten, aber auch, mit einer heiteren Seite – denn da ist eine Dynamik der Verdichtung des eigenen Lebens. Diese Normalisierung hat mir sehr gutgetan. – Ja, Sterben ist Teil des Lebens und auch meines Lebens.
Vom Sterben lernen
Was können gerade junge Menschen von Sterbenden über das Leben lernen?
Am meisten lernt man durch die persönliche Begegnung, weil es weniger um theoretische Einsichten geht als um dieses existenzielle Realisieren. Man kann sich auf den Tod nicht vorbereiten, weil er sehr vielfältig sein kann. Wie unser Tod aussieht, wissen wir nicht, und er ist für jeden Menschen neu. Die nötige Kraft wird uns im Moment geschenkt. Nahtoderfahrungen können uns einen Einblick geben, nicht in ein Jenseits des Lebens, aber in eine ganz wichtige Lebensphase – nämlich die allerletzte überhaupt. Das, was in den letzten Sekunden passiert. Ich finde es merkwürdig, dass so wenig bekannt ist, wie viel Wissen es darüber eigentlich gibt. Unsere letzten Lebenssekunden werden vermutlich sehr hell sein. Da wird uns nochmal etwas ganz Wichtiges aufgehen und wir werden auch nicht in einem Zustand des Schmerzes sein – das zeigen uns etwa die Nahtoderfahrungen.
Die Nahtoderfahrungen sind ja auch einer ihrer Forschungsschwerpunkte. Was lässt sich daran speziell vielleicht aus gläubiger Perspektive erkennen?
Nahtoderfahrungen bestätigen etwas, das ich als Christ glaube: dass Beziehungen nicht abbrechen im Tod. Das Leben verwandelt sich im Tod, eine neue Dimension des Lebens öffnet sich – es ist kein Endpunkt, sondern ein Anfang. Menschen erleben in Nahtoderfahrungen Transformationsprozesse. Sie erfahren sich selbst neu: eine andere Form von Körperlichkeit und Personalität. Oft kommt es zu Begegnungen: Verstorbene holen die Sterbenden ab oder schicken sie zurück. Im Sterben werden wir in eine größere Gemeinschaft aufgenommen, von einem Licht erwartet.
Keine Angst vor der Zukunft
Viele junge Menschen blicken angesichts von Krisen mit Unsicherheit in die Zukunft. Wie kann der Glaube helfen, nicht in Angst zu erstarren, sondern hoffnungsvoll zu bleiben?
Ich sehe zwei miteinander verknüpfte Hoffnungsprobleme: Zum einen die persönliche Zukunft – die Frage, ob es sich lohnt, etwas aufzubauen angesichts großer Ungewissheiten. Zum anderen die realen Zukunftsbedrohungen, die so überwältigend wirken können, dass man sich fragt: Wozu sich überhaupt für das Gute einsetzen, wenn das Unglück ohnehin nicht abzuwenden ist? Doch das Leben hat selbst angesichts eines nahen Todes noch eine große Strahlkraft und genau so kann es inmitten von ganz schrecklichen Umständen noch Glück geben. Solche Glückserfahrungen wertzuschätzen, ist legitim und lebenswichtig. Nicht zu denken: Weil alles den Bach hinuntergeht, darf ich kein glückliches Leben führen, wenn es mir geschenkt ist. Es lohnt sich in jedem Moment, sich für das Gute einzusetzen. Auch wenn die Früchte verborgen bleiben oder ich sie selbst nicht mehr sehe. Es ist kein Entweder-Oder zwischen Straußvogel-Politik – Kopf in den Sand, Insel, Abschottung – und völliger Lähmung. Ein Ausweg liegt darin, sich zu fragen: Was ist jetzt meine Herausforderung, meine Berufung? Für wen bin ich wichtig, und wofür möchte und kann ich mich einsetzen?
Das hat etwas sehr Hoffnungsvolles. Also Berufung als etwas Persönliches. Der einzelne Mensch ist gefragt.
Genau – bis zur letzten Lebensminute. Wir sind gewohnt zu denken, die besten Tage seien die, in denen wir beruflich am leistungsfähigsten sind – als wäre dies die wichtigste Lebensspanne. Natürlich ist es gut, wenn wir durch unser berufliches Engagement etwas bewirken können. Aber unsere Berufung ist nicht darauf beschränkt. Sie kann sich immer wieder erneuern – bis zuletzt. Wir können als Menschen für andere bedeutsam sein, bis ganz am Ende. Die Evangelien erzählen das in vielen Varianten – sie sind gewissermaßen auch ein Evangelium fürs Alter: Etwa in der Geschichte von Simeon und Hanna im Tempel. Zwei alte Menschen, die ihr Leben eigentlich schon hinter sich haben und doch noch eine entscheidende Aufgabe erfüllen. Diese Botschaft ist wichtig – gerade in einer Gesellschaft, in der Menschen immer älter werden und sich fragen: Wofür lebe ich noch? Bin ich noch sinnvoll da? Die Wahrheit ist: Wir können bis zum letzten Atemzug eine wichtige Aufgabe für andere haben – oft, ohne es selbst zu wissen.
Welche Ermutigung würden sie der jungen Generation, die von vielen Krisen herausgefordert ist, mit auf den Weg geben wollen?
Ein Leben braucht eine Vision. Im Sinne von Oscar Wilde: Es ist wichtig, Träume zu haben, die groß genug sind, dass wir sie nicht aus den Augen verlieren, während wir sie verfolgen. Ein erfülltes Leben braucht den Mut zur Vision, zum Traum. Darum, sich nicht von den kleinen Ängsten bestimmen zu lassen, die in bedrängten Zeiten wie diesen unausweichlich sind. Sondern sich darüber hinauszuwagen, an die Vision zu glauben, die einem geschenkt wird. Diese größere Perspektive wieder ins Bewusstsein zu rufen – und sich von ihr ziehen zu lassen.






