Liebe im Ausnahmezustand

Liebe im Ausnahmezustand

Aus dem Briefwechsel zwischen Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer


Text Stephanie Stampfer


Am 5. April 1943 wird der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer von den Nationalsozialisten wegen Tätigkeit im Widerstand verhaftet. Erst ein Jahr ist es her, dass er Marie von Wedemeyer kennengelernt hat. Trotz Krieg, Unsicherheit und Bedrohung wollten sie ein gemeinsames Leben beginnen.
Die „Brautbriefe aus der Zelle 92“ erzählen von einer Liebe unter unmöglichen Bedingungen. Die frisch Verlobten kennen einander kaum. Ihr Kennenlernen geschieht fast ausschließlich in Briefen. Und doch blüht in diesen Zeilen eine Nähe von spürbarer Intensität.

 

Maria, Sommer 1943:

„In dem hintersten Winkel des Gartens, wo mich niemand sieht, habe ich mich mit meinem Brief an Dich geflüchtet. Viele bunte Blumen lachen um mich her, die Sonne strahlt und lauter Gold hängt an den Bäumen. Ich brauchte nur Dich, um es herunterzupflücken. Hier lässt es sich so schön glücklich an Zukunftsträumen werden. In gar nicht ferner Zeit werden wir zusammen so sitzen und uns viel – unendlich viel zu sagen haben.“

 

Hoffnung trägt diese ersten Briefe. Sie planen ihre Hochzeit bis ins Detail, sprechen über die gemeinsame Wohnung, über ein Leben nach der Haft.

 

Dietrich, Ende Juli:

„Wenn ich zu viel von mir selbst rede, so musst Du doch wissen, dass Du da in mein Ich immer ganz miteingeschlossen bist. Ich bin nicht mehr ohne Dich, das ist mir in den letzten Monaten noch viel deutlicher geworden, als es mir schon war.“

 

Liebe hat hier nichts von einer rosa-roten Brille. Es wächst ein neues „Wir“, das selbst Gefängnismauern nicht auflösen können.

 

Maria, Anfang August:

„Endlich ist es still geworden im Haus. Ich habe die Fenster geöffnet und die tiefe, blaue Nacht zu mir hereinströmen lassen. Alle meine Gedanken wandern nun ungehindert zu Dir. Vielleicht erzählen sie Dir einen schönen Traum, vielleicht streicheln sie Dir auch nur leise die Hände und sagen Dir damit mehr, als Worte sagen können. (…) Ich liebe jedes Wort von Dir, jeden Buchstaben, weil es ja doch nichts anderes sein kann als ein Stück von Dir.“

 

Dietrich, 12. August:

„Du kannst es gar nicht ermessen, was es für mich in meiner jetzigen Lage bedeutet, Dich zu haben. (…) Bei Jeremia heißt es in der größten Not seines Volkes: ‚Noch soll man Häuser und Äcker kaufen in diesem Lande‘ – als Zeichen des Vertrauens auf die Zukunft. Dazu gehört Glaube; ich meine nicht den Glauben, der aus der Welt flieht, sondern der in der Welt aushält und die Erde trotz aller Not liebt und ihr treu bleibt. Unsere Ehe soll ein Ja zu Gottes Erde sein, sie soll uns den Mut, auf der Erde etwas zu schaffen und zu wirken, stärken.“

 

Die Haft dauert an, und langsam verändert sich der Ton der Briefe. 

 

Dietrich, September:

„Zeit ist heute das kostbarste Gut; denn wer weiß, wieviel Zeit ihm noch geschenkt ist. Und doch weigere ich mich zu denken, dass es verlorene Zeit war und ist, in der wir getrennt sind. (…) Wir sind in anderer Weise zusammengewachsen, als wir es wohl gedacht und gewünscht haben.“

 

Am Ende desselben Briefes spricht er von einem verborgenen Glück, das er mit Maria gerade in den Widrigkeiten gefunden hat:

„Nach einem leichten Leben hatten wir im Grund beide kein Verlangen. (…) Aber das Glück liegt, glaube ich, für uns beide an einer anderen, verborgeneren Stelle, die manchem unverständlich ist und bleiben wird.“

 

Die Briefe idealisieren das Leid nicht. Aber sie lassen es nicht sinnlos werden. Maria hält an der Hoffnung fest. 

 

Maria, September:

„Werde nicht müde und traurig, mein liebster Dietrich. Es kann ja gar nicht mehr lange dauern, und dann sind wir beieinander.“

 

Doch dieser Tag kommt nicht. Im Oktober 1944 kommt Bonhoefer in das Kellergefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße. Die Bedingungen verschärfen sich.

Zwei Monate darauf schreibt Bonhoeffer seinen letzten Brief an Maria – den berühmten Weihnachtsbrief. Darin spricht er von einem Getragensein, das ihn in all den Monaten der Gefangenschaft vor dem Gefühl des Verlassenseins bewahrt hat.

 

Dietrich, 19. Dezember 1944

„Je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt. Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. (…) Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“

 

Dem Brief legt er ein Gedicht bei. Es beginnt mit den Worten:

„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar …“

 

Diese Zeilen werden später vertont und gehören heute zu den bekanntesten geistlichen Liedern des 20. Jahrhunderts. Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945, nur wenige Wochen vor Kriegsende, im Konzentrationslager KZ Flossenbürg hingerichtet. Maria von Wedemeyer erfuhr erst im Sommer 1945 von seinem Tod.

Die Brautbriefe erzählen keine erfüllte Liebesgeschichte. Doch in ihrer Tiefe und Intimität lässt sich erahnen, was Bonhoeffer meinte, als er schrieb:„Es gibt ein erfülltes Leben – trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

 

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