Gerechtigkeit. Wir alle wollen sie. – Aber wie finden wir sie?
Den Platz in der heiß umkämpften Uni-Vorlesung bekommt nur, wer bei guter Internetverbindung schnell genug, im richtigen Moment auf „Anmelden" klickt. Ist das wirklich gerecht?Kaum können wir uns verbal ausdrücken, setzen wir uns für sie ein – besonders dann, wenn das eigene Stück Kuchen kleiner wirkt als das der anderen am Tisch. Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit ist in uns Menschen zutiefst verankert. Was als Kind jedoch eindeutig erscheint, wird immer komplexer, je größer unser Horizont wird.
Mit dem Erwachsenwerden stellen sich neue Fragen:
- Ist es gerecht, wenn jemand grundlos nicht die gleichen Chancen bekommt?
- Wie gerecht ist es, aufgrund der eigenen Meinung Nachteile zu erhalten?
- Kann ein Krieg jemals gerecht sein?
Wir merken, Gerechtigkeit ist keine einfache Rechenaufgabe, sondern hängt stark von Perspektiven und Umständen ab. Kann es dann überhaupt so etwas wie eine allgemein gültige Definition von Gerechtigkeit geben?
Spurensuche durch die Zeit
Seit Menschen zusammenleben, ringen sie um dieselbe Frage: Was ist gerecht? Eine Frage, die für unser Zusammenleben zentral ist. Schließlich hängt davon ab, wie wir konkret miteinander
umgehen.
Wer trägt Verantwortung?
Wie werden Konflikte gelöst?
Wer bekommt welche Chancen?
Schützt jemand sozial Schwache und wenn ja, wer?
Den ersten schriftlichen Nachweis für Überlegungen zu Gerechtigkeit finden wir im Codex Ur-Nammu, der ältesten schriftlich überlieferten Rechtssammlung, die 2100 v. Chr. in Ur,
Mesopotamien entstand. Dafür mussten sich Gelehrte mit Fragen der Gerechtigkeit auseinandersetzen. Wie sehr sich das Verständnis von Gerechtigkeit im Laufe der Zeit verändern
kann, zeigt unter anderem, dass es damals als gerecht galt, Sklaven zu halten, oder auf Delikte wie Untreue die Todesstrafe stand.
Gibt es die „Gerechtigkeit“ an sich?
Auf der Suche nach einer „allgemein gültigen“ Definition merken wir rasch: Der Begriff wird historisch, kulturell, philosophisch und theologisch unterschiedlich interpretiert und angewandt.
Kein Wunder also, dass sich bereits viele kluge Köpfe vor uns diese Frage gestellt haben. So auch die berühmten Philosophen der Antike.
Sokrates (469 -399 v. Chr.)
„Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun“
Sokrates sah in der Gerechtigkeit keine bloße Regel, sondern die Grundvoraussetzung für ein gelungenes Leben, das Fundament des Glücks. Wer sich selbst erkennt, wird das Unrecht meiden – nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Einsicht in das Gute. „Unrecht leiden ist besser, als Unrecht tun.“ Dieser sein Standpunkt kommt von der Ansicht, dass moralisches Fehlverhalten der eigenen Seele schadet.
Platon (427–347 v. Chr.)
„Gerechtigkeit bedeutet, dass man das Seine tut und sich nicht in fremde Angelegenheiten mischt.“
So wie Augen und Ohren die Funktion des Sehens und Hörens für den Körper haben, sah Platon die Gerechtigkeit als Funktion der Seele.
Parallel dazu wird skizziert er einen „idealen Staat“, bestehend aus drei Ständen, in dem alle Kräfte im richtigen Verhältnis zueinanderstehen: Handwerker, Krieger und
Philosophen/Aristokraten.
So entsteht durch diese Form der Gerechtigkeit eine für Platon perfekte Harmonie.
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.)
„Gerechtigkeit ist die vollkommene Tugend“
Gerechtigkeit bewies sich für Aristoteles im Miteinander. Er unterschied zwei Formen und analysierte sie als messbare zwischenmenschliche Beziehung:
Verteilungsgerechtigkeit:
Wer mehr leistet, erhält mehr.
Tauschgerechtigkeit:
Leistung und Gegenleistung müssen einander die Waage halten.
Aristoteles fordert außerdem eine individuelle Korrektur durch Güte. Gerechtigkeit ist nach Aristoteles kein starres Dogma, sondern eine lebendige, soziale Praxis freier und gleicher Bürger,
um Einzelfällen gerecht werden zu können.
Jüdisch-Christliches Verständnis
Wenn wir einen Blick in die Bibel werfen, fällt auf, dass die Heilige Schrift den Begriff „gerecht“ oder „Gerechtigkeit“ über 800-mal verwendet. Der Inbegriff des Gerechten ist immer Gott selbst. Der Mensch soll daher, geschaffen nach seinem Abbild, gerecht sein und gerecht leben – vor Gott und vor den anderen.
„Sieh her: Wer nicht rechtschaffen ist, schwindet dahin,
der Gerechte aber bleibt wegen seiner Treue am Leben.“
– Habakuk 2,4
Der hebräische Begriff „zedek“ wird mit „gerecht“ übersetzt. Gemeint ist damit eine Verpflichtung zur Wohltätigkeit, die in der Tora festgeschrieben ist: nämlich von dem zu geben, was Gott einem anvertraut hat. Nach biblischem Verständnis spendet man nicht aus Tugend oder Wohltätigkeit, sondern weil es eine gerechte Pflicht ist und Gerechtigkeit herstellt.
Jesus geht im Neuen Testament noch einen Schritt weiter und spricht davon, auch den zu lieben, der uns ungerecht behandelt.
„Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander
und allen Gutes zu tun!“
– 1. Thessalonicher 5,15
Liebe ohne Gerechtigkeit bleibt ein Gefühl ohne Konsequenzen. Gerechtigkeit ohne Liebe hingegen kann brutal werden. Im christlichen Verständnis ist Gerechtigkeit untrennbar mit Liebe
verbunden.
Kirchliche Lehre
„Gerechtigkeit ist, jedem zu lassen und zu geben, was ihm zusteht.“
Die Katholische Kirche stützt sich bei ihrer Erklärung von Gerechtigkeit auf die Heilige Schrift aber auch auf die großen Philosophen und Theologen der Geschichte. Die kirchliche Lehre erklärt die Tugend der Gerechtigkeit als „dauernde Willensbereitschaft, jedem das Seine zu lassen und zu geben“ und bezieht sich dabei auf den großen Theologen und Heiligen Thomas von Aquin.
Gerechtigkeit setzt ein „Recht“ voraus. Das natürliche Recht des Menschen etwa, zu leben und sich im tiefen Sinn selbst zu verwirklichen. Und weil der Mensch dafür durch seine Vernunft und Freiheit selber Verantwortung trägt, ist es gerecht, jedem das zuzugestehen, was er grundlegend für sein Leben und seine Entwicklung als Mensch braucht.
„Jedem zukommen zu lassen, was ihm zusteht“ gilt dann auch für die soziale Gemeinschaft. Doch wie lässt sich das im Detail feststellen? Genau das macht die Gerechtigkeit so herausfordernd.
Gerechtigkeit und Wahrheit
Um herauszufinden, was wem zusteht, braucht es einen wichtigen Faktor: die Wahrheit. Erst wenn man sieht, wie die Dinge wirklich sind, kann man sagen, ob etwas gerecht ist.
Ein Richter braucht wahre Tatsachen, um gerecht zu urteilen. Ein Händler braucht das wahre Gewichtsmaß, um einen gerechten Preis festzulegen. Genauso braucht es die Wahrheit über
gesellschaftliche Zustände, wenn Politiker Gesetze beschließen , aber auch wenn wir Situationen beurteilen.
Im Lichte neuer Informationen, die wir erhalten, kann das, was wir zuvor für gerecht gehalten haben, auf einmal kalt und ungerecht werden. Gerade in unserer aktuellen weltpolitischen Lage und dem enormen Informationsfluss im Internet wird es immer komplizierter, zwischen News und Fake News zu unterscheiden, die unser Empfingen von Wahrheit doch maßgeblich beeinflussen.
Gerechtigkeit finden
Vielleicht entsteht Ungerechtigkeit in unserer Welt genau dann, wenn wir nicht nach der Wahrheit suchen, die Meinung und Wahrheit des anderen nicht hören möchten und der Konsens beider Seiten nur in einem Satz besteht: „Ich habe Recht!“
Das gilt in der Weltpolitik genauso wie auch bei uns persönlich. Wie schwer tun wir uns schon allein damit, wenn jemand eine andere Meinung hat als ich. Andersheit wird zwar gefeiert, aber
nur, wenn viele um einen herum „gleich anders“ sind. Sonst wird sie schnell als bedrohlich empfunden. Der Algorithmus von Social Media verstärkt das noch und es entstehen Bubbles, die
sich nichts mehr zu sagen haben. Die Folge ist, dass man mit dem anderen gar nicht mehr ins Gespräch kommen möchte, und es gewinnt derjenige, der am lautesten schreit.
Die christliche Logik ist hier eine ganz andere. Gerechtigkeit entsteht nicht daraus, wenn einer gewinnt und der andere verliert. Gerechtigkeit entsteht, wenn beide nach der tieferen Wahrheit
suchen. Denn dann kommt es für beide zu einem Win-Win.
Gerechtigkeit als Win-Win
Thomas von Aquin sagt: „Man muss beide lieben: diejenigen, deren Meinung wir folgen, und diejenigen, deren Meinung wir ablehnen.“ Es geht für Thomas in einer Diskussion nicht darum,
dass ich gewinne, sondern dass die Wahrheit gewinnt – und somit wir beide zu Gewinnern werden, weil wir tiefer ausgerichtet werden auf die Wahrheit. Darum erklärt er, dass wir auch den lieben sollen, dessen „Meinung wir ablehnen“.
Der selige Pierre Clavarie, ein Märtyrerbischof aus Algerien aus dem 20. Jahrhundert, prägte diesen herausfordernden Satz: „Ich gestehe nicht nur zu, dass der andere ein anderer ist, […]
sondern ich akzeptiere, dass er einen Teil der Wahrheit innehat – einen Teil, der mir fehlt und ohne den meine eigene Suche nach Wahrheit nicht erfolgreich beendet werden kann.“ Wir brauchen den anderen also, gerade weil er eine andere Meinung hat.
Vielleicht kann uns dieser Gedanke helfen, im Wirrwarr der vielen Stimmen ganz unaufgeregt auch konträre Meinungen zuzulassen. Gerechtigkeit finden wir nur dadurch. In unserem persönlichen Leben. Aber auch als Gesellschaft und Menschenfamilie.






