Michael Patrick Kelly kennt große Bühnen, weltweiten Erfolg, aber auch tiefe Krisen. Nach dem Millionenerfolg mit der Kelly Family in den 90er-Jahren folgte eine sechsjährige Auszeit im Kloster. Heute ist er seit über 15 Jahren als Solokünstler erfolgreich. Im Herbst ist sein neues Album Traces erschienen. Es erzählt von den Spuren, die das Leben prägen, von dunklen Momenten ebenso wie von Hoffnung und Lichtblicken. Im Interview mit YOU! spricht er ganz persönlich über Krisen und Heilung, seinen Glauben und darüber, was die Liebe in seiner Ehe wachsen lässt.
In vielen Songs auf deinem Album beginnen die Geschichten in der Dunkelheit und öffnen sich dann zu einem Lichtblick. Ein Beispiel ist Run Free. Was hat dich zu diesem Song bewegt?
Im Song Run Free geht es konkret ums Loslassen. Ich glaube, jeder von uns hat Themen, die einen emotional oder mental belasten. Das können Sorgen sein, Ängste oder auch Wunden aus der Vergangenheit, die vielleicht nicht ganz geheilt sind. Eines meiner Issues ist etwa das Thema Trauern. Ich bin nicht gut im Trauern.
Besonders zwei Freunde haben mir in den letzten paar Jahren geholfen, als Mann zum Beispiel auch Tränen zuzulassen. Das ist heilend und befreiend. Und genau darum geht es in dem Song. Run Free ist eine Einladung, sich vielleicht einem vertrauten Freund zu öffnen, einem Therapeuten, Seelsorger oder Priester, wem auch immer. Es tut nicht gut, alles mit sich allein herumzuschleppen.
Jedes Menschenleben ist geprägt von positiven und negativen Erfahrungen. Sie hinterlassen Spuren. Wir leben sozusagen vorwärts, verstehen aber oft rückwärts, also rückblickend. Darüber handeln die Songs. Manche sprechen über die schönen und positiven Erfahrungen. Und andere mehr über die schwierigen Seiten, wie Wut, Trauer, Sorgen oder Angst. All das ist Teil des Lebens. Und all das prägt uns und hat Einfluss darauf, wie unser Leben sich entwickelt.
Und du sagst, wenn man diese Dinge bewusst anschaut und sich anderen Menschen mitteilt, ist das ein wichtiger Schritt?
Ich finde es befreiend. Das ist meine Erfahrung. Ab dem Moment, wo etwas, was mich belastet, zu Wort kommt, ist es schon halb so schwer.
Du hattest ja auch ein Leben mit großen Höhen und Tiefen. Was war so ein prägendes Erlebnis bei dir selbst?
Ein Song auf dem Album heißt K.H.A. – Das steht für: Keep Hope Alive. Da geht es um das Thema Suizidprävention. Ich hatte mit Anfang 20 eine Krise, wo ich mit dem Leben aufhören wollte. Ich stand schon am Fenster eines hohen Gebäudes. Aber in dem Moment fühlte ich so etwas wie eine Gegenwart. Ich habe keine Stimme gehört, aber ich spürte, dass jemand da ist. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber in mir hörte ich die Worte: „Cool down. Don’t jump.“ Ich war dabei ganz klar im Kopf, ich war weder auf Drogen noch auf Alkohol, und es war so deutlich, dass ich vom Fenster wegging und zu weinen begann. Ich wusste innerlich, dass es Gott war. So habe ich angefangen, mich mit dem Glauben zu beschäftigen. Ich bin nach Lourdes gefahren, einem Wallfahrtsort in Frankreich, und begann, den Rosenkranz zu beten und die Bibel zu lesen.
So krass. Diese Erfahrung hat dein Leben ziemlich verändert…
Das ist das Interessante. Ich möchte Leid oder Schmerz nicht schönreden. Aber wenn ich zurückschaue, bin ich dankbar für diese Krise, weil sie mich herausgefordert hat, die wichtigen Fragen des Lebens zu stellen. Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin nach dem Tod? Was ist der Sinn des Lebens? Kann das Universum wirklich aus dem Nichts entstehen? Gibt es Gott? Wenn ja, wer ist Gott? Ich weiß nicht, ob ich nicht noch zehn oder 20 Jahre weiter an der Oberfläche geschwommen wäre oder ob ich mir diese Fragen des Lebens auch gestellt hätte, wenn ich diese existenzielle Krise nicht gehabt hätte. In diesem Sinn tragen Leiderfahrungen auch immer eine Chance in sich.
In deinem Song Calcutta Angel singst du von deiner Erfahrung bei den Mutter Teresa Schwestern in Kalkutta in Indien. War das zeitgleich mit deiner Glaubensentdeckung oder später?
Das war etwas später. Ich lebte damals wie ein Prinz in einem Schloss. Das Schloss Gymnich war das frühere Staatsgästehaus von Deutschland. Jedes Zimmer war eine Suite. So lebte ich mit Anfang 20. Und es war auch die Zeit, wo ich euch vom YOU! Magazin kennengelernt habe und merkte, wow, ihr habt irgendetwas, was ich nicht habe. Ich war am Peak meiner Karriere und trotzdem innerlich total leer und unhappy.
In dem Schloss gab es aber ein Buch über Mutter Teresa und die Arbeit, die sie in Indien machte. Und so bin ich einfach hingeflogen – das war 2003 – und habe drei Wochen als Freiwilliger mitgeholfen. Die Aufgabe bestand darin, Menschen, die im Sterben lagen, von der Straße zu holen und ihnen einen würdigen Tod zu ermöglichen. Dazu betreiben die Mutter Teresa Schwestern in Kalkutta ein Hospiz.
Zu meiner Verwunderung gab es über 150 Freiwillige, junge Menschen wie ich. Sie kamen aus der ganzen Welt und waren einfach da, um freiwillig zu helfen. Manchmal ist der beste Weg, sich selbst zu finden, indem man sich anderen zuwendet, anderen hilft. Das erfüllt einen. Die Arbeit war sicherlich nicht einfach. Es hat gestunken, da waren Menschen mit Lepra und offenen Wunden. Wir haben gebetet und gearbeitet. Jeden Tag. Aber es hat mich verändert.
Gibt es eine Begebenheit, die dich besonders beeindruckt hat?
Einmal hatte ich meine Gitarre dabei und einer der Missionare fragte mich, ob ich nicht für die Männer in der Station singen könnte. Und so habe ich angefangen, einen Song zu singen. Auf einmal wurden diese halbtoten Menschen lebendig. Sie richteten sich von ihren einfachen Lagern auf, fingen an zu Lächeln. Einer wollte sogar meine Gitarre haben und fing an, Bob Marley Songs zu singen. In diesem Moment wurde aus diesem Ort voller Tod so viel Leben und Lebensfreude. Nebenan gab es den Saal für die Frauen und die wollten auch, dass ich singe. Eine ganz alte Frau fing an zu klatschen und sie war so außer Takt, dass alle unglaublich zu lachen anfingen. Und auch da war auf einmal Licht in diesem Raum voller Dunkelheit.
Was machst du heute, wenn du Sorgen hast?
Mir hat ein guter Priester empfohlen, sehr ehrlich mit Gott zu sein. Ich versuche, alles, was mich beschäftigt, mit Gott zu teilen wie mit einem Freund. Konkret mache ich das im Gebet. Das ist eine Gewohnheit, die ich aus meiner Klosterzeit mitgenommen habe, dass ich jeden Morgen eine Stunde stilles Gebet in meinen Alltag einbaue. Wenn ich auf Tour bin, ist das nicht immer möglich, aber dann bete ich halt einen Rosenkranz.
Viele Dinge, die mich beschäftigen, teile ich natürlich auch mit meiner Frau. Sie ist meine engste Vertrauensperson.
Das ist schön. Und es bringt mich gleich zur nächsten Frage. Auf deinem Album findet sich auch eine Liebeserklärung an deine Frau. In The One singst du: „After all this time, you’re still the one“. Was sagst du, wie kann eine Liebe aufrecht bleiben oder sogar wachsen?
In der Popmusik gibt es sehr viele Songs über den Anfang einer Liebe, wo man die Schmetterlinge im Bauch hat. Aber wenige handeln von der Liebe, die alle Höhen und Tiefen des Lebens besteht. Ich habe diese romantische Vorstellung, dass wir Menschen fähig sind, einem Partner ein Leben lang treu zu sein. Wie es im Eheversprechen heißt: in guten und schlechten Zeiten, in Armut und Reichtum, in Leid und Krankheit und Gesundheit. Das ist Real Love.
Ich glaube, je länger man mit einem Partner zusammenbleibt, desto tiefer wächst das Vertrauen. Ich bin jetzt seit 15 Jahren mit meiner Frau zusammen und ich versuche jeden Tag, mindestens einmal „I love you“ zu sagen. Es sind kleine Worte, kleine Gesten, wie zu fragen: „Wie geht es dir wirklich?“ Aber ich muss sagen, ich bin nicht der Held in meiner Ehe. Ich bin durch meinen Beruf 100, 150 Tage im Jahr unterwegs und mein Publikum bekommt oft mein „Best Of“, was zuhause vielleicht dann weniger der Fall ist. Also, wer mit mir verheiratet ist, muss sehr großzügig und verständnisvoll sein.
Noch eine Frage zu deinem letzten Song auf deinem Album. Symphony of Peace ist eine Hymne für den Frieden und du bist offizieller Friedensbotschafter. Was gibt dir Hoffnung, dass Kriege auch heute beendet werden können?
Als Friedensbotschafter treffe ich nicht wenige Menschen, die an den Frontlines der Friedensarbeit stehen. Zum Beispiel gibt es im Heiligen Land ein Friedensdorf mit dem Namen „Neve Shalom-Wahat al Salam“, wo Juden und Palästinenser zusammen wohnen, mehrere hunderte Familien, und die Kinder gehen in eine gemeinsame Schule. Die Mitgründer dieses Dorfes haben mir gesagt: „Es braucht Wahrheit, Gerechtigkeit und Vergebung.“ Sie schaffen es, mit unterschiedlichen Werten zusammenzuleben und sich auszuhalten. Toleranz bedeutet eben, auch aushalten, was man nicht gut findet. Dann ist eine friedliche Koexistenz möglich. Und solche Beispiele geben mir Hoffnung.
Tour 2026
Ab 17. April startet seine Tour für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Am 31. Juli wird Michael Patrick in Wien in der METAStadt Open Air zu sehen sein.







